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Geschichte

15.07.2004

Die Geschichte des Amtsgerichts Wangen im Allgäu

1. Teil

Die ehemals freie Reichsstadt Wangen wurde im Zuge der von Napoleon vorangetriebenen „politischen Flurbereinigung der rechtsrheinischen Gebiete des beendeten vormaligen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen" (Mediatisierung) im Dezember 1802 ebenso wie die benachbarten Städte Ravensburg, Leutkirch und Isny dem bayrischen Königsreich zugeschlagen und verlor damit auch seine eigene unmittelbare Gerichtsbarkeit. Von der bayrischen Verwaltung wurde der aus Ravensburg stammende Franz-Joseph von Bentele als Stadtkommissar und in Personalunion auch als bayrischer Landrichter eingesetzt. Nachdem im Rahmen der großpolitischen Wetterlage der Einfluss des mit Napoleon verbündeten Königreichs Bayern schwand, wurden Wangen und die benachbarten Städte 1810 dem Königsreich Württemberg zugeführt. Zur Aufrechterhaltung der Jurisdiktion bestimmte hierauf König Friedrich von Württemberg mit Erlass vom 26.8.1811, dass anstelle der Stadt- und Ortsgerichte in jedem Oberamt ein Königliches Oberamtsgericht eingerichtet werde. In Wangen wurde hierauf zum Sitz des neuen Oberamtsgerichts das sogenannte "Loth'schen Haus" in der Herrenstraße bestimmt. In diesem Anwesen hatte bezeichnenderweise der letzte Bürgermeister der freien Reichsstadt Franz Anton Loth bis zu seiner Absetzung und Übernahme der Verwaltung durch den bayrischen Stadtkommissar Franz Joseph von Bentele residiert.

 

Zur Leitung der Oberamtsgerichte wurde kraft königlichem IV. Organisationsedikt vom 31.12.1818  mit Übergangsverordnung vom 26.04.1819 anstelle des Oberamtmannes nunmehr ein besonderer Beamter für die Rechtspflege unter dem Namen "Oberamtsrichter" bestellt. In den Quellen (Reg.Bl. 1819, S. 111) wird im März 1819 als erster Oberamtsrichter des Oberamtsgerichts Wangen der aus Isny stammende Amtmann Gronmayer als Amtsverweser des Oberamtsgerichts Wangen im Allgäu geführt. Ihm folgte im November 1823 der Oberamtsgerichtsaktuar Khuen aus Heidenheim nach (Reg.Bl. 15.11.1823, Seite 823). Oberamtsrichter Khuen wurde dann 1829 auf die Oberamtsrichterstelle 3. Klasse in Spaichingen befördert (Reg.Bl. 1829, S. 57), worauf am 19.04.1830 dem aus Tübingen stammenden Oberjustizsekretär Scholl, welcher zunächst als Verweser die Geschäfte des Oberamtsgerichts Wangen geführt hatte, die Stelle des Oberamtsrichters beim Oberamtsgericht Wangen übertragen worden ist (Reg.Bl. 1830, S. 179).

Im Jahre 1835 beschloss dann "die höchste Staatsstelle" das Oberamtsgericht in ein neu zu errichtendes Gebäude vor die Tore der Stadt Wangen "in das Gütle des Löwenwirts Kern“ an der Lindauer Straße zu verlegen. Über diesen Standort entbrannte sofort ein heftiger Streit zwischen der Bürgerschaft/Stadt und dem Oberamt. Die Bürgerschaft und ihm folgend der Stadtrat beklagte zunächst allgemein die isolierte Lage des neuen Gerichtsgebäudes, welches 300 Schritt von der Stadt entfernt errichtet werden sollte. In diesem Zusammenhang wurde dann, wohl auch mitinitiiert von den Gastwirten der Stadt, konkret bemängelt, dass "durch das natürliche Schild des Amtsgerichtsgebäudes die vom Besitzer des Gütle bisher im Sommer betriebene Gastwirtschaft einerseits eingeschränkt, andererseits die übrigen Wirte und der sonstige Gewerbestand der Stadt deswegen benachteiligt werde, weil viele zum Amtsgericht vorgeladene Personen und namentlich die Angehörigen der gegen Lindau zugelegenen Gemeinden voraussichtlich häufig gar nicht mehr in die Stadt kämen".

Da die Stadt dem Oberamt ihrerseits aber keinen billigen Bauplatz im "Etter der Kernstadt" anbieten konnte, beharrte die Staatsbehörde auf dem beschlossenen Standort. Wann dann genau mit den Bauarbeiten an der Lindauer Straße begonnen worden ist, kann den Quellen nicht präzise entnommen werden. In einem im Argenboten zur 100-Jahr-Feier des Amtsgerichts Wangen 1938 veröffentlichten Bericht wird hierzu jedoch Folgendes kolportiert: „1837 wurde im Rahmen der Aushebung der Baugrube des neuen Oberamtsgerichts festgestellt, dass bei einer Tiefe der Grabarbeiten von 6 1/2 Schuh ein 1/2 Schuh tiefes unabziehbares Wasser erscheine". Hierdurch alarmiert, befasste sich der Bürgerausschuss am 21.08.1837 erneut mit der Unzweckmäßigkeit des gewählten Bauplatzes, worauf auch die Stadt erneut das Oberamt auch wegen der fehlenden Eignung des Baugrundes am neuen Standort anging. Die Staatsverwaltung beharrte jedoch mit Erlass vom 04.11.1837 unter Hinweis auf die fehlenden Einwendungen der betroffenen Anlieger und der Zulässigkeit der Errichtung des Gebäudes insbesondere in feuerpolizeilicher Hinsicht auf dem gewählten Standort. Das Gebäude des neuen Oberamtsgerichts selbst wurde dann im Jahr 1838 fertig gestellt.

1844 wurde das Areal des Oberamtsgerichts um das von der königlich württembergischen Kameralverwaltung errichtete Amtsgerichtsgefängnis erweitert. Dieser markante, über vier Stockwerke in Holz errichtete turmförmige Bau, in dem auch die Wohnung des Gerichtsdieners untergebracht war, prägte für lange Zeit die Silhouette der Lindauer Straße.

Das neue Amtsgerichtsgefängnis war die reguläre Vollzugsanstalt (Gerichtsgefängnis) für die vom Oberamtsgericht verhängten kürzeren Haftstrafen und für die Verwahrung der Untersuchungsgefangenen. Das daneben in der früheren Klosterbergstraße, heute Bahnhofstraße 4, gelegene "Oberamtsgefängnis" fiel dagegen unter die Kategorie "Polizeigefängnis". Dort wurden ausschließlich die vom Oberamt als Polizeibehörde verhängten Haftstrafen bis zur Dauer von 14 Tagen vollstreckt. Mit der Einrichtung der Wanderarbeitsstätten nahm die Belegung des "Oberamtsgefängnisses" weiter ab. Als dann mit der Bezirksordnung von 1906 auch noch die Unterhaltung und Verpflegung der oberamtlichen Gefangenen auf den Staat übergegangen war, wurden diese Haftstrafen immer häufiger in dem Amtsgerichtsgefängnis in der Lindauer Straße 28 vollzogen. Damit hatte das alte "Oberamtsgefängnis" seit etwa 1910/1920 seinen eigentlichen Zweck nach und nach verloren, während die Bedeutung des Amtsgerichtsgefängnisses zunahm.

Fortsetzung folgt.     

Dr. Bigalke

Direktor des Amtsgerichts Wangen

2002 - 2013

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